Fassadengestaltung

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde in der Architekturausbildung dem Studium des Ornaments außerordentliche Bedeutung beigemessen. Junge Architekten verbrachten ganze Jahre – mitunter ein oder zwei Studienjahre – damit, klassische Details zu zeichnen, zu kopieren und zu analysieren. Sie erlernten die zugrundeliegende Geometrie von Voluten, die Proportionen von Gesimsen, die strukturelle Logik von Pilastern und Gebälken sowie die narrative Symbolik skulpturaler Motive. Ornament wurde nicht als bloße Dekoration betrachtet, sondern als eine eigene Formensprache mit eigenen Regeln, Hierarchien und einer eigenen Grammatik.

Diese anspruchsvolle Ausbildung ermöglichte es Architekten, Fassaden zu entwerfen, die nicht bloß stilistische Nachahmungen waren, sondern in sich stimmige klassische Kompositionen darstellten, die in einer jahrhundertealten Architekturtradition verwurzelt waren. Bei mittelgroßen Wohngebäuden entstanden so Fassaden, die Eleganz und städtebauliche Funktionalität in Einklang brachten.

Zentrale Gestaltungsmerkmale umfassten:

  • Klare Proportionssysteme — harmonische Beziehungen zwischen Fensterachsen, Geschosshöhen und vertikalen Gliederungen schufen Fassaden von Ordnung und Würde.

  • Ausgeprägte Sockel–Mittel–Abschluss-Gliederung — der Sockel bzw. ein rustiziertes Erdgeschoss, die rhythmisch wiederholten Wohngeschosse sowie ein deutlich ausgebildetes, krönendes Gesims.

  • Verwendung klassischer Ordnungen — Pilaster, angelegte Säulen und klar definierte Kapitelle verliehen Rhythmus und strukturelle Klarheit, selbst bei zurückhaltendem Einsatz.

  • Loggien, Balkone und zurückspringende Fassadenbereiche — subtile Tiefenstaffelungen, die Schatten, Hierarchie und eine plastische Qualität der Straßenfassade erzeugten.

  • Ornament als Ausdruck konstruktiver Logik — Schlusssteine, Fensterrahmungen, Architrave und Giebel waren keine willkürlichen Motive, sondern visuelle Marker architektonischer Ordnung.

Was die neoklassizistischen Fassaden dieser Epochen prägte, war nicht die Menge des Ornaments, sondern dessen disziplinierter Einsatz. Jedes Element erfüllte eine Funktion, jede Linie folgte einer Regel. Genau deshalb wirken diese Gebäude bis heute harmonisch, stabil und ausgewogen komponiert — sie wurden von Architekten entworfen, die Ornament nicht als Dekoration verstanden, sondern als Architektur.

Typologie 1: Kleine Wohneinheiten

Typisch für die flachen Regionen Mitteleuropas, sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten.

Reihenhaus, horizontale Bauweise
Freistehendes Haus mit 1-2 Etagen

Stadtvilla oder kleines Gebäude für ein oder zwei Familien. Oft von einem Garten umgeben.

Typologie 2: Mittelgroße Gebäude mit gemischter Nutzung

Ermöglicht die gewerbliche Nutzung im Erdgeschoss und im obersten Stockwerk sowie die Wohnnutzung in den mittleren und oberen Etagen. Gemeinsamer Innenhof/Gartenbereich.

Angrenzendes, mehrstöckiges Gebäude
Freistehendes, mehrstöckiges Gebäude

Typologie 3: Wolkenkratzer

Ermöglicht eine gemischte Nutzung: Büros, Wohnungen, Restaurants, Geschäfte usw. Wolkenkratzer im neoklassizistischen Stil gab es in Europa historisch nicht, aber Wolkenkratzer im Art-déco-Stil wurden zu einem Symbol nordamerikanischer Städte wie New York und Chicago.